Ölkrise? Nie gehört.

•16. Mai 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Irgendwann dieser Tage. Das Wetter ist mal schön, mal verregnet. Ich gehe zum Supermarkt, es tröpfelt vom Himmel. Meine Hosen nässen sich allmählich ein, die Schuhe sowieso. Aber es ist ja ganz gut für die Pflanzen, wenn es mal regnet, denke ich mir. Schönes sattes Grün allerorten.
Die Strassen sind fast leer, ich tappe so durch die Gegend. An einer kleinen Wohnsiedlung wird das Frühjahrsidyll leider lärmend gestört. Ein Arbeiter im orangefarbenem Overall und dicken Ohrenschützern auf dem Kopf hat einen Laubbläser in Betrieb und versucht damit die vielen auf dem Gehweg verstreuten Blüten zu beseitigen. Natürlich funktioniert das kaum, denn sie sind klatschnass und schwer.
Ich starre ihn an, er starrt zurück und macht unverdrossen weiter. Ich überlege: Vielleicht besteht hier eine Art Sorgfaltspflicht seitens der Hausverwaltung, immerhin ist der Boden durch die Blüten tatsächlich etwas seifig geworden. Rutschgefahr!
Andererseits gilt für die Gehwege dasselbe wie für meine Hosen: trocknen lassen, ausbürsten. Funktioniert ganz einfach. Aber es hat vermutlich keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Der Arbeiter macht weiter, ich gehe weiter. Wahrscheinlich haben schon mehrere Vogelanwohner einen Herzinfarkt erlitten.
Nota bene: Gerade war doch mal wieder eine Konferenz zum Klimawandel. Eisfreie Arktis und so. Kann man schneller gen Asien schippern. Und Öl gibt’s da im Norden auch massig. Leider.

Fahrt nach R–

•8. Mai 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Mal ein Tagesausflug. Ich komme gut bis zum Zielort durch und finde sogar ein freies Parkhaus. Die Stadt ist alt und es wimmelt von Touristen. Ich schlendere durch die Gassen, alles ist wohltuend anders als in meinem Wohnort.
Aber ich habe Orientierungsprobleme, obwohl ich bereits des öfteren hier weilte. Zwar wurde die Innenstadt stellenweise ein wenig renoviert, aber grundsätzlich ist alles so wie gehabt.
Als ich etwas aus dem Stadtkern herauswandere, wird es mir klar. Bisher war ich ausnahmslos zur Winterszeit vor Ort, aber jetzt ist Frühling und die Perspektiven sind völlig anders. Beziehungsweise: zugewuchert. Mir war bislang nie klar, wie viele Parks und Grünanlagen es hier gibt. Alles wuchert und sprießt nach Herzenslust, es ist angenehm mild. Ich bin begeistert.
So begeistert, dass ich sogar ein amerikanisches Schnellrestaurant besuche. Ich ordere zwei “Western Burger” und muss bei deren Verzehr fast würgen. Das Fleisch schmeckt angebrannt, es gibt keinerlei Belag außer einem Tropfen Tomatensauce. Trotzdem sind es fast sechshundert Kalorien, na danke.
Vor der Rückfahrt tanke ich und wasche die Scheiben. Etliche gelbe Blüten haben sich in den letzten Tagen unter den Wischblättern angesammelt, was sehr hübsch aussieht. Der Tankwart kommt mit einer Gießkanne und schüttet tatsächlich noch Wasser in den Eimer nach, damit ich auch schön putzen kann. Sehr aufmerksam.
Nun noch ein Eis. Ahh, Geschmack! Leichter Nieselregen setzt ein. Es riecht überall nach Flieder und gemähtem Gras. Der Mai ist schön.

Sonderangebot

•3. Mai 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Gestern erhielt ich Post. Oder vielmehr: Eine Wurfsendung steckte in meinem Briefkasten. Format DIN A4 und schicker Hochglanzdruck sollten sicherlich Eindruck schinden, denn es betraf eine demnächst beziehbare Wohnsiedlung sowie mein Geld. So zumindest deutete ich den Inhalt dieser Provokation.
Bereits für unter 140t Euro, so hieß es darin, bekäme der interessierte Anleger ein schmuckes kleines Studentenapartment. Eine tolle Geldanlage für die Zukunft sei dies und so weiter und so fort.
21 Quadratmeter mit Zierbalkönchen, am Stadtrand gelegen, wahrscheinlich auch noch total hellhörig. Für hundervierzigtausend Euro. Tiefgarage extra. Ein Wahnsinn. Was um Gottes Willen kostet dort eine Drei- oder Vierzimmerwohnung?
Meine derzeitige Wohngegend gilt als “mittere Wohnlage”, unsere Häuserzeile würde ich noch darunter einstufen. Hier kann sich niemand sowas leisten, geschätzt die Hälfte der Anwohner hat noch nicht mal ein Auto.
Es wundert mich langsam wirklich, dass es in diesem Land noch nicht zu Sozialaufständen gekommen ist. Und damit meine ich nicht irgendwelche depperten Berufschaoten, sondern unsere Mittelschicht. Solange sie noch existiert.

Das alljährliche Wunder

•24. April 2013 • 2 Kommentare

Die Stadt ist staubig, es ist viel zu heiß für die Jahreszeit. Gehwege voller Streusplitt, eine Qual für Hundepfoten und weiche Schuhsohlen. Allerorten kahle, wie tot wirkende Bäume. Die Luft ist gesättigt von Abgasen. Der Winter ist erledigt, die Tageslosung lautet offenbar: hinaus mit dem Auto, hinaus!
Noch blüht nichts, die kalten Tage herrschten allzu lange vor. Die Sonne blieb meist hinter Wolken verhüllt. Unweit des Flusses befindet sich ein kleines Wäldchen. Dort wenigstens wuchert am Boden schon fleißig der Bärlauch. Es riecht würzig.
Ein paar Tage später. Es hat wieder etwas abgekühlt und auch leicht geregnet. Ein Segen, jetzt kann man erste bunte Spitzen an manchen Zweigen ausmachen. Es riecht nach gemähtem Rasen, endlich wieder.
Noch etwas später. Es ist wieder sehr warm. Die Gehwege sind meist sauber geräumt, Radlermassen längst wieder ein alltägliches Bild. Fette Knospen schälen sich aus der schroffen Rinde ihrer Baumherbergen. Zierkirschen strahlen bereits in vollster Pracht, auch Magnolien. Üppiges Rosaweiß beherrscht dieser Tage den Straßenrand.
Ich hoffe auf einige Nächte mit mildem Regen. Dann wird auch das Grün der Bäume wiedergeboren werden, wie jedes Jahr. Es ist ein Wunder, immer wieder.
Die schönsten Dinge im Leben gibt’s eben wirklich umsonst. Und sind zugleich unbezahlbar.

Ein Mensch

•19. April 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Zu Beginn dieser Woche. Ich muss zu einer Behörde. Es ist früher Nachmittag, das recht große Gebäude wirkt verlassen. Ich soll zu einem bestimmten Raum und laufe dafür fast die gesamte Etage ab.
Die verwinkelten Flure sind menschenleer, die Fenster staubig. Bisweilen passiere ich einen größeren Vorraum mit verwaisten Sitzgruppenelementen aus Metall. Es ist ziemlich warm und völlig still.
Der betreffende Gebäudeflügel ist erreicht, ich stemme eine ansehnliche Brandschutztüre auf und stehe sogleich vor dem Büro meines Ansprechpartners. Es ist leer, aber schon nähert sich ein Herr aus einem Nachbarraum. Er begrüßt mich herzlich und bittet mich hinein.
Ich erwarte von Ämtern üblicherweise eher Abfertigung. In diesem Fall ist es völlig anders. Herr M— entschuldigt sich für die kleine Verzögerung, während er meine Daten aufruft. Dabei kam ich zu früh, er hätte noch fast zehn Minuten Zeit gehabt.
Dann schaut er sich meine mitgebrachten Unterlagen an. Er ist fix im Kopf und kennt sich aus. Er findet alles gut, was ich vorgelegt habe. Er gibt mir Tipps und witzelt über gewisse Charakteristika der Behörde, ohne dass es illoyal klingt. Zu Schluss gibt er mir noch einen sehr guten Hinweis und verabschiedet mich freundlich.
Sagenhaft. Ich bin ehrlich bewegt, so viel Sympathie von einem bis dato Unbekannten ist mir schon lange nicht mehr begegnet.
Ein Mensch. Es gibt sie eben doch.

Müllwertverbesserung

•13. April 2013 • Hinterlasse einen Kommentar

Irgendwann letzte Woche. Ich muss an sich nicht früh raus, werde aber durch dumpfes Lärmen unangenehm geweckt. Hoffentlich keine Baummörder, denke ich erschrocken und eile zum Vorderfenster, um der Ursache nachzugehen.
Sie findet sich schnell. Schräg gegenüber parken zwei orange gestrichene Kleinlaster mit allerlei Gerätschaften auf ihren Pritschen. Auf einer ist zudem einen kleiner Greifkran montiert, welcher sich an einer Mülltonnenbox des dahinter gelegenen Hauses zu schaffen macht. Meine Neugierde ist vorerst befriedigt, ich gehe zum Bad.
Etwas später. Ich schaue mal wieder nach drüben, inzwischen ist die alte Müllbox aus Waschbeton schon fast komplett verschwunden. Im Hintergrund werkeln zwei Arbeiter: nichts Besonderes also.
Am Spätnachmittag werfe ich mal wieder einen Blick aufs Geschehen. Inzwischen haben die Männer an der Stelle der ehemaligen Müllbox eine mehrere Quadratmeter große Fläche mit Nullachtfuffzehn-Einheitspflaster belegt und davor einen neuen, glänzenden Metallzaun inklusive Tor angebracht. Auf dem Pflaster stehen zwei ältere, recht angeschrammte Müllcontainer, sie sind auch aus Metall. Nichts, was man unbedingt erblicken möchte.
Die Arbeiter laden ihr Werkzeug auf die Laster und fahren davon. Es bleiben: ein hässlicher Anblick, denn die Tonnen hinter dem neuen Zaun sind jetzt sehr auffällig in ihrer Schäbigkeit. Außerdem totale Verwunderung meinerseits, denn der Zaun grenzt die ‘kostbaren’ Tonnen nur zur Straße hin ab. Seitlich könnte man sie beiderseits vergleichsweise problemlos von den offenen Nachbarvorgärten her erreichen.
Fazit: demnächst werde ich mal da drüben nachschauen, ob das Metalltor auch ordentlich abgeschlossen ist. Offen bleibt die Frage: ist das noch Schilda oder schon Absurdistan? Auf jeden Fall ist es ein Witz.

Vorstellungsgespräch

•6. April 2013 • 6 Kommentare

Im Februar. Ich fahre ins nähere Umland der Stadt. Es ist Mittagszeit, die S-Bahn fast leer. Die Landschaft befindet sich in Winterstarre, alles ist schneebedeckt. Die Station ist klein, außer mir steigt niemand aus.
Ich bin eine halbe Stunde zu früh dran. Zeit vertrödeln lautet die Devise. Der Ort ist anscheinend sehr klein, kein Gasthaus weit und breit. Um nicht anzufrieren, tappe ich vorsichtig durch das kleine Wäldchen anbei. Schön langsam, bloß die Schuhe nicht verschmutzen.
Dann wieder zurück, es ist widerlich kalt. Das längst aufgegebene Stationsgebäude hat einen Warteraum, ich schlüpfe hinein. Wahrscheinlich ist er normalerweise geschlossen und nur wegen der Kälte geöffnet. Der Charme der fünfziger Jahre empfängt mich. Hier wäre ein Eins-A-Drehort für entsprechende Filme, völlig authentisch inklusive Scherengitter, Fahrkartenschalter mit Messingumrahmung, einem uralten Werbeschild sowie fast schon klassischer Glasschalen-Deckenlampe. Schön.
Meine Stimmung ist gut. Ich ent-friere bis kurz vor eins, dann wird es Zeit. Das Büro liegt ein paar Dutzend Meter neben dem Bahnhof. Während der ganzen Wartezeit kam ein einziges Fahrzeug vorbei, hier ist nicht viel los. Man würde in Ruhe arbeiten können. Meine Stimmung verbessert sich erneut.
Das Büro liegt im Erdgeschoß. Keine Klingel, ich öffne die schwere Tür. Der Vorderraum ist lang und leer, im kleinen Raum dahinter sitzen drei Menschen. Es ist total verqualmt.
Man blickt mich fragend an, ich nenne meinen Namen. Ah ja, der Termin. Man bittet mich in den Hinterraum und offeriert Wasser und Kaffee. Gerne.
Wechselseitiges Vorstellen, der Chef referiert über seine Firma. Dabei qualmt und qualmt er, ich kann es nicht fassen. Wir schreiben das Jahr 2013 und ich werde noch nicht mal gefragt, ob es mir was ausmacht.
Dann präsentiere ich meine Vita, es gibt Fragen und Gegenfragen. Es geht um den Verkauf gewisser Lizenzen, die Rechtslage sei strittig, man nutze eine Lücke im Gesetz aus, die Chancen seien groß. Bislang habe noch niemand eine angekündigte Klage tatsächlich vollzogen. Ich kenne mich da gar nicht aus und murmele irgendwas. Nach über einer Stunde verabschiede ich mich, man wird sehen, es gibt noch andere Bewerber.
Der Kerl hat die ganze Zeit geraucht, so sieben bis acht Zigaretten werden es gewesen sein. Natürlich sind meine Klamotten komplett verstunken, ich ärgere mich furchtbar.
In der Folgewoche kommt eine Absage. Es ist mir recht.

 
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